Teju Cole – Open City

teju coleTeju Cole ist 1975 in Nigeria geboren und kam als Jugendlicher in die USA. Er studierte dort Medizin und Kunstgeschichte und hat 2011 seinen ersten Roman Open City veröffentlich. Dabei handelt es sich um den schönsten New York-Roman den ich kenne. von Christoph Steinhauer

Immer wieder wird dieser fulminante Erstling mit Büchern von Sebald, Coetzee oder Naipaul verglichen. Mich hat Open City dagegen sofort an Rainer Maria Rilkes 1910 erschienes Werk Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge erinnert. Als ich unlängst diese These auf Teju Coles Facebook-Fanseite gepostet habe, meldete sich der Autor höchstpersönlich und bestätigte mir, dass er dieses Buch von Rilke nicht nur kennt, sondern auch äußerst schätzt. Sebald hat er dagegen erst gelesen, als er längst begonnen hatte, an Open City zu arbeiten. Der Einfluss von Sebald dürfte also gar nicht so groß sein, auch wenn Teju Cole sagt, dass er mittlerweile festgestellt hat, dass ihn eine Art Seelenverwandtschaft mit Sebald verbindet.

Wie in Rilkes für die moderne Literatur so wichtigem Buch, ist der Protagonist Julius in Open City ein nächtlicher Flaneur, der versucht, aus der Distanz heraus, eine ihm existenziell fremde Umwelt zu dechiffrieren. Bei Rilke ist das Fremde die Modernität des Paris von 1910 und bei Teju Cole ist es das verdrängte Entsetzen im New York in der Zeit nach den Anschlägen des 11. September. In beiden Romanen geht es um Tod und Erinnerung. Die Stadt erscheint wie ein dunkles, beängstigendes Wesen, dass die Abgründe der Seele symbolisiert. In einer Szene beschreibt Julius die Halbinsel Manhattan als verletzlichen Lichtpunkt umgeben von einem Ozean der Dunkelheit. Ein treffendes und wunderschönes Bild für die von Feinden umgebene Stadt und für die gesamten USA.

Der Feind hat New York am 11. September nicht vernichten können, aber er ist eingedrungen und ab diesem Zeitpunkt in der verdrängten Angst der Menschen und in den Spuren der vielen Toten unsichtbar für immer anwesend. So hat Teju Cole die Grundkonzeption seines Romans in einem Interview selbst beschrieben. Julius kann auf seinen nächtlichen Spaziergängen die Trauer und den Schrecken dieser Tage immer noch spüren. Er erkundet tagsüber als Psychiater die Seelen seiner Patienten und nachts bei seinen Spaziergängen die Seele der Stadt. Dabei dringt Julius medizinisch geschulter Blick bis in sonst verborgene Regionen vor. Die Spuren der Menschen, die in der Vergangenheit in der Stadt lebten, werden sichtbar, und sonst sorgsam verborgene Ängste und Hoffnungen treten zu Tage.

Die Erzählung schreitet dabei scheinbar so ziellos umher wie Julius auf seinen Spaziergängen, aber diese Bewegung ist höchst kunstvoll komponiert. Wir erfahren viel über seine Kindheit in Nigeria, über seine Patienten, seine Beziehungen, sowie eine längere Episode, die in Brüssel spielt, wo er seine Mutter besucht, aber nicht mit ihr sprechen kann. Zwischendurch befasst sich Julius immer wieder intensiv mit der Musik Gustav Mahlers, die in dem Buch eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie in Thomas Manns „Tod in Venedig“. Außerdem erinnert er sich an viele Bücher, die er gelesen hat und die ihm etwas bedeutet haben. Open City ist somit auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen und kollektiven Erinnerung, eine Art Psychoanalyse, die am Ende einen längst verdrängten Vorfall aus Julius Unterbewußtsein zurück holt. Die eigene offensichtliche Schuld kann Julius jedoch nicht empfinden, da ihm sein altes Ich aus der Zeit in Afrika völlig fremd geworden ist. Aber andererseits ist er auch immer noch dieser Junge der bis zum 17. Lebensjahr in Afrika gelebt hat. Dieser schmerzhafte Zwiespalt zwischen seinem neuen Leben in New York und seinen immer noch vorhandenen afrikanischen Wurzeln empfindet Julius als Entfremdung und überträgt diesen Zustand auf die Situation der Stadt New York nach dem 11. September. Auch die New Yorker können nicht mehr zurück zu dem Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, dass sie vor den Anschlägen hatten, und müssen sich jetzt in einer neuen feindlichen Realität zurechtfinden.

Obwohl der Roman über sehr viele komplex miteinander verwobene Ebenen verfügt, lässt er sich erstaunlich einfach lesen. Man lässt sich gerne mit Julius und seinen Gedanken durch das nächtliche New York treiben. Bei aller Leichtigkeit, ist aber nicht zu leugnen, dass es sich dabei um ein komplexes Kunstwerk handelt, indem sich Cole intensiv und kenntnisreich mit moderner Literatur, Musik, Politik, Kunst- und Medizingeschichte auseinandersetzt.

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