Hunter S. Thompson – The Rum Diary

hunter-thompson-3Hunter S. Thompsons Erstlingswerk gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.  Es hat alles was dieses Enfant de terrible der amerikanischen Literatur ausmacht: Durchgeknallte Säufer-Charaktere, bissig-ernsthafter Humor und diesen lakonischen Zynismus, der so typisch für diesen ungewöhnlichen Autor ist. von Christoph Steinhauer

Ich bilde mir ein, einen Text von Hunter S. Thompson genauso blind erkennen zu können wie einen rauchigen Whisky von der schottischen Insel Islay. Und das ist, wie jeder Whisky-Kenner weiß, wirklich nicht schwer. Ich habe fast alles von diesem Autor gelesen, was auf dem deutschen Büchermarkt zu kriegen ist und das ist nicht viel. Das wunderbare Buch über die Hells Angels, mit dem Thompson berühmt wurde und seinen subjektivistischen Stil erfand. Diesen Sitl perfektionierte er dann unter dem Namen „Gonzo-Journalismus“ und beeinflusste damit eine ganze Generation von Autoren und Journalisten. Natürlich habe ich auch „Angst und Schrecken in Las Vegas“ gelesen sowie die Sammlungen von Reportagen und autobiographischen Texten, die in Deutschland unter den Titeln „Gonzo Generation“ und „Königreich der Angst“ erschienen sind.

Wer ersten einen Eindruck von Thompsons eigenwilligem, unverkennbarem Stil erhalten möchte, dem sei die kurze Reportage „Das Kentucky-Derby ist dekadent und degeneriert“ aus „Gonzo Generation“ ans Herz gelegt. Hier beschreibt Thomspon aus der Ich-Perspektive wie er zum mondänen Kenntucky-Derby fährt, um eine Reportage zu schreiben. Natürlich hat er keinen Plan und keine Presseakreditierung für sich und den extra aus England angereisten englischen Illustratoren Ralph Steadsmann. (Steadsmann ist eine reale Person und einer der besten Freunde von Thompson gewesen.) Ebenso wenig hat Thompson an eine Hotel- oder Mietwagenreservierung gedacht und da die Stadt seit Wochen ausgebucht ist, hat er eigentlich keine Chance seinen Job zu erledigen. Wider aller Wahrscheinlichkeit gelingt es den beiden aber doch noch eher durch Zufall zwei Presseausweise zu ergattern. Aber die Situaltion gerät durch den maßlosen Whiskygenuss der beiden wie in dem Film Hang-over immer mehr außer Kontrolle. Thompson, der Vertreter der Gegenkultur, warnt den Engländer zu Beginn noch vor den spiessigen, sturzbesoffenen Derbybesuchern, die Schusswaffen tragen und sich im Rausch bekotzen. Für alle Fälle hat sich Thompson mit einer chemischen Keule ausgerüstet, die er ohne Skrupel gegen jeden einzusetzen bereit ist. Am Schluss aber, als er aber mindestens so alkoholisiert ist wie alle anderen, mutiert er selbst zum größten Spieser, indem er den ebenfalls völlig besoffenen Engländer zum Flughafen zurückfährt und mit den Worten aus dem Auto wirft: „Verpiss dich, du nichtsnutziger schwuler Bock! Du ausgedrehter Schweineficker! Wenn´s mir nicht übel ginge, würde ich deinen Arsch bis nach Bowling Green treten – du verwichster ausländischer Wicht… Leute wie dich können wir hier in Kentucky nicht gebrauchen.“ Thompson hatte vor nichts Respekt, vor allem nicht vor sich selbst.

Das Beste was er geschrieben hat ist für mich aber immer noch „Rum Diary“, das erst 36 Jahre nach seinem Enstehen, im Jahr 1998 in den USA veröffentlich wurde und lange als verschollen galt. Trotz seines Alters wirkt das Buch ganz frisch. Die Handlung beginnt damit, dass sich der Protagonist, der Journalist Paul Kemp, vor seiner Abreise nach Puerto Rico – wie könnte es anders sein – mit Freunden betrinkt. Er hat ein lukratives Angebot erhalten, für eine auf der Karibikinsel erscheinende englisch-sprachige Zeitung zu arbeiten. Dort angekommen stellt er fest, dass die Redaktion der Zeitung aus einem Haufen versoffener Zyniker besteht und dabei ist, vor die Hunde zu gehen. Kemp freundet sich dennoch mit zwei von ihnen an und lernt auf einer Sauftour den Unternehmer Sanderson kennen, der ihm einen lukrativen Job vermittelt. Dabei hilft er mit, einen wunderschönen Strand mit Hotelbauten zu verschandeln, was er bedauert, aber trotzdem macht. Außerdem lernt er die schöne Chenault kennen und beginnt eine Beziehung mit ihr, die aber nicht lange hält. Am Ende geht die Zeitung wirklich pleite und der Herausgeber stirbt in einem Tumult mit den frustrierten Mitarbeitern an einem Herzinfarkt. Kemp fliegt darauf nach New York zurück.

Das Buch lebt von seinen irrwitzigen Dialogen und der schwülen Athmospäre auf der damals noch vom Massentourismus verschonten, aber dafür heruntergekommenen Karibikinsel. Thompson versteht es wie kaum jemand anderes skurrile Charakter zu erfinden, denen alles egal ist und die für den schnellen Drogenkick oder ein paar Dollars alles machen würden. Seine schonungslose Darstellung des Zeitungsbetriebs hat heute noch Gültigkeit. Es fällt schwer, den Figuren ihre offensichtliche Verkommenheit übel zu nehmen. Das verhindert Thompsons beißender Humor und die Tatsache, dass er uns damit immer auch einen Spiegel unserer eigenen Unvollkommenheit vorhält. Für mich war er der erste Anarchopunk. Er schrieb und lebte nach dem Motto, je verbrecherischer und verkommener die gesellschaftlichen Strukturen sind, desto weniger muss du dich an deren Regeln halten, ja du musst sogar noch verrückter handeln als alle anderen. Diese Überzeugung bezahlte er unter anderem mit mehreren Gefängnisstrafen, wurde dabei aber zur Kultfigur der Alternativszene in den USA.

Rum Diary wurde kürzlich mit Jonny Depp in der Hauptrolle verfilmt. Depp hatte auch schon in der Verfilmung von „Angst und Schrecken in Las Vegas“ mitgespielt und war ein guter Freund und Unterstützer von Thompson. Nach Thompsons Freitot 2005 zündete Depp eine Kanone, die in eine riesige Gonzo-Faust integriert war. So verteilten seine Freunde seine Asche auf Thompsons Anwesen in der Wüste des US-Staats Colorado, so wie er es sich gewünscht hatte. Den Film habe ich noch nicht gesehen, werde das aber bald nachholen und dann hier besprechen.

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