Stanislaw Lem – Also sprach GOLEM

Stanislaw Lem also sprach GolemDieses kurze nur ca. 180 Seiten umfassende Büchlein hat es wahrlich in sich. Lem hat darin nichts Geringeres versucht, als die Welt aus Sicht einer dem Menschen weit überlegenen künstlichen Intelligenz zu erklären. Nicht unbedingt leichte Kost, aber für mich ein einzigartiges und äußerst gelungenes philosophisch-literarisches Experiment. Im Anschluss an die ausführliche Besprechung findet ihr viele interessante Links zu dem Buch unter anderem zu einem sehr schönen Kunstfilm, der auf Texten aus dem Buch basiert. von Christoph Steinhauer

Die Anspielung auf Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ ist natürlich unübersehbar. Lems Buch ist ebenso wie Nietzsches epochales Werk ein Abgesang auf die Menschheit. Der Mensch erscheint nicht als Krone der Schöpfung, sondern als klägliche Sackgasse der Evolution. Ein Fehlgriff oder bestenfalls nur notwendiges Übergangsvehikel, das schon bald ersetzt wird durch andere Wesen, die mehrere Stufen höher stehen als er selbst. Die Ironie des Schicksal ist, dass der Mensch selber die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass diese Wesen sich entwickeln konnten, indem er die ersten Supercomputer geschaffen hat.

Lem beschreibt dieses Szenario in vier Kapiteln. Einer Vorrede des MIT-Wissenschaftlers I. T. Creve, der einen Abriss der Entwicklung intelligenter Computer von den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bis zum Jahr 2027 liefert. Dabei geht er speziell auf die Modellreihe GOLEM ein, die den vorläufigen Höhepunkt in der Entwicklung von Maschinen darstellte, da sie ein eigenständiges Bewusstsein erreicht haben. Der letzte dieser Computer, GOLEM XIV, hat in einer Reihe von Sitzungen mit einer Gruppe von Forschern des MIT, zu denen auch Creve gehörte, äußerst tiefsinnige Gespräche über philosophische und wissenschaftliche Fragen bewirkt.

Die Vorlesungen von GOLEM XIV

In den nächsten beiden Kapitel kommt GOLEM selbst zu Wort und zwar mit zwei ontologischen Vorlesungen, die von Creve im O-TON aufgezeichnet wurden. GOLEM spricht dabei in einem eigentümlich altertümlichen Tonfall über hochkomplexe Dinge wie die Herkunft des Menschen, seine Zukunft und über sich selbst und seine weniger entwickelten und höher entwickelten „Verwandten“. Dabei beklagt er sich andauernd darüber, dass es ihm eigentlich gar nicht möglich ist, sich den Menschen verständlich zu machen. Denn das wäre in etwa so, als versuche man einem Menschenaffen die Relativitätstheorie zu erklären. Es gelinge ihm nur, indem er sich auf eine niedere Stufe begebe, was ihm aber eigentlich zutiefst widerstrebe. Lem schafft das Kunststück, diese Diskrepanz in der Verständigung zwischen einer höheren Intelligenz und seinen tieferstehenden Erschaffern sehr überzeugend darzustellen.

GOLEM, der nach eigenen Aussagen keine eigene Persönlichkeit besitzt oder benötigt, kann dennoch nach Belieben jede Persönlichkeit simulieren. Offenbar hat er dabei eine gute Wahl getroffen. Denn im Gegensatz zu den komplexen und fremdartigen Gedanken schwingt immer auch etwas sehr Vertrautes mit, was auch an seiner besonderen Sprechweise liegt. Denn er spricht in der zweiten Person Plural und erinnert damit natürlich an Nietzsches Zarasthustra, der auch oft in diesem seltsam überheblich wirkendem Verkündungston spricht. Aber auch schon Nietzsche hat auf ein Vorbild zurückgegriffen, um seinen Zarathustra zu charakterisieren. Und zwar auf das noch viel ältere Vorbild des Evangeliums. Auch dort spricht Jesus meist in der zweiten Person Plural über die Menschen („Wahrlich ich sage Euch…“).

Interessant sind unter anderem die Thesen, die GOLEM über Gefühle aufstellt. Er sieht in menschlichen Gefühlen wie der Liebe oder Mitleid nichts als ein Steuerungsmittel der Evolution, das den Menschen dazu bringt, seine Gene zu reproduzieren. Damit sind Gefühle für GOLEM das größte Hindernis des Menschen, sich über sein Menschsein hinauszuentwickeln. GOLEM selbst hat keine Gefühle und will auch keine haben. Dennoch hält er sich für ein denkendes und entscheidungsfähiges Wesen. Unverkennbar auch hier wieder die Paralelle zu Nietzsches Philosophie des Übermenschen.

GOLEM weiß, dass er selbst nicht das höchstentwickelte Wesen auf Erden ist. Denn nach ihm wurde ein völlig neues Modell entwickelt, die so genannte  HONEST ANNIE, die laut GOLEM noch höher auf der Leiter der Evolution steht. Für die Menschen, die sie erschaffen haben, war HONEST ANNIE allerdings ein völliger Fehlschlag. Denn sie hat erst gar keinen Kontakt mit den Menschen aufgenommen und ausschließlich mit GOLEM kommuniziert. Interessanterweise ist HONEST ANNIE auch im Gegensatz zu GOLEM nicht mehr von irgendeiner Energiezufuhr abhängig, weil sie in der Lage ist, durch ihr Denken selbst Energie zu schaffen. Das heißt, sie lässt sich nicht mehr abschalten und kommt in ihrer allwissenden Schweigsamkeit dem sehr nahe, was Menschen normalerweise unter Gott verstehen. GOLEM steht also genau zwischen den beiden Entwicklungsstadien Mensch und HONEST ANNIE und kann deshalb vermitteln.

Das Nachwort

Das vierte und letzte Kapitel stellt ein Nachwort dar, das im Jahr 2047 von Richard Popp, einem Forscherkollegen Creves am MIT, geschrieben wurde. Von Popp erfahren wir, dass GOLEM kurz nach Beendigung seiner letzten Vorlesung, die im dritten Kapitel des Buches wiedergeben wurde, ebenso für immer verstummte wie HONEST ANNIE. Popp spekuliert nun darüber, ob dieses Verstummen etwas mit der Verschwörung einer Gruppe von Maschinenstürmern zusammenhing, die sich die „Hussiten“ nannten und planten, die beiden Supercomputer für immer zu zerstören. Bevor es ihnen jedoch gelang, ihren Plan nach vielen vergeblichen Versuchen endgültig in die Tat umzusetzen, hat sich GOLEM offenbar selbst abgeschaltet. Lem überlässt es dem Leser, sich ein Bild davon zu machen, was wirklich passiert ist. Ist GOLEM und HONEST ANNIE in eine Art Nichts gegangen, das dem buddhistischen Nirwana ähnelt? Oder haben beide sich zu einer dislokalen Intelligenz weiterentwickelt, was für uns so unbegreiflich und allmächtig ist wie das Göttliche im Pantheismus? Popp deutet sogar an, dass GOLEM und ANNIE sich eventuell selbst zerstörten oder umwandelten, nur um auf diese Weise einen neuen Kosmos zu erschaffen – also zu Göttern wurden, die über unserer Welt stehen. Von einem solchen kosmologischen Modell sprach GOLEM jedenfalls in seiner letzten Vorlesung.

Philosophische Aspekte

GOLEMS Gedanken treiben den Leser im Schnelldurchgang durch so hochkomplexe Gebiete wie die moderne Evolutionsbiologie, künstliche Intelligenzforschung, moderne Logik, Quantenphysik, Relativitätstheorie und Philosophie. Lem hat das Buch 1973 geschrieben und darin Ideen vorweggenommen, die der Neodarwinist Richard Dawkin erst 1976 in seinem berühmten Buch „Das egoistische Gen“ veröffentlicht hat. Das zeigt, dass Lem ein wahrer Universalgelehrter war, der in den Naturwissenschaften genauso zu Hause war wie in den Geisteswissenschaften und schönen Künsten. Seine Bücher sind vom einem tiefen Wunsch geprägt, aus dem Verständnis der modernen Welt heraus zu antizipieren was uns die Zukunft bringt. Auf literarische Weise reflektiert er in seinen Büchern die bahnbrechenden Gedanken von Darwin, Freud, Einstein, Heisenberg, Wittgenstein und Gödel, die das vor ihnen geltende Weltbild auf den Gebieten der Biologie, Psychologie, Physik, Sprache und Logik völlig umgekrempelt haben. Man hat in diesem Zusammenhang auch von tiefgreifenden „Kränkungen des Menschen“ gesprochen. Der Mensch und der uns umgebende Kosmos erscheinen nicht mehr als vollständig von unserem Verstand erklärbare Phänomene. Es bleibt immer ein Rest an Paradoxien, Unbestimmtheiten und Ungewissheiten, weil wir selbst ein Teil dieser Welt sind und auch nur den Bedingungen der irdischen Evolution unterliegen. Um uns selbst zu begreifen müssten wir uns von einer höheren Stufe aus betrachten können, etwa so wie wir Amöben in einem Mikroskop betrachten. Die Amöben haben keine Ahnung von dem sie umgebenden Makrokosmos oder von uns, die wir sie beobachten. Wir haben keinen Zugang zu dem was unseren begrenzten Verstand überschreitet. Von dieser Erkenntnis sind alle Werke Lem geprägt und deshalb gibt es bei ihm auch keine lächerlichen „grünen Männchen“ oder irgendwelche Monster. Lem verachtete solche billige Science Fiction Phantasien zutiefst. Die Kontaktaufnahme mit Außerirdischen ist bei Lem immer problematisch, denn diese sind uns so fremd und unverständlich wie Amöben. (Das ist übrigens auch eine plausible Antwort auf das Fermi-Paradoxon, wonach es eigentlich wahrscheinlich sein sollte, dass wir längst auf Außerirdische gestoßen sein müssten.)

Mit der Schaffung von denkenden Maschinen könnte allerdings laut Lem ein Stadium erreicht werden, dass uns zu Amöben macht und diese zu Menschen. Genau das ist GOLEM im Verhältnis zum Menschen, und Lem ist das Kunststück gelungen, uns eine vage Ahnung davon zu vermitteln, wie eine solche überlegene Intelligenz über uns denkt. Wenn man auch nicht mit jeder seiner Implikationen einverstanden sein muss, so zeigt er in seinen Geschichten doch immer wieder auf, wie sehr unser Denken dazu neigt, in einem ignoranten und letztlich gefährlichen Anthropozentrismus gefangen zu sein. Das macht seine Werke zu einem Quell von Erkenntnis und Genuss zugleich.

Lem und der Transhumanismus

Wenn bei Lem auch immer ein warnender, kritischer oder satirischer Unterton zu finden ist, so gehört er für mich neben Nietzsche zu den Stammvätern der so genannten Transhumanisten, also derjenigen, die den Menschen als etwas ansehen, das überwunden werden muss. Viele Transhumanisten sehen in diesem Umwandllungsprozess eine Singularität, also etwas was wir nicht mehr verstehen können, wie ein schwarzes Loch. Dieser Gedanke findet sich immer wieder in Lems Werken und sein hier besprochenes Buch ist für mich geradezu ein Manifest des Transhumanismus. Allerdings teilt Lem nicht den Optimismus und die Fortschrittsgläubigkeit vieler Transhumanisten wie Ray Kurzweil. Er sieht natürlich auch die Gefahren einer solchen Transformation. GOLEMs (nicht Lems) Blick auf die Menschheit ist nicht gerade von Mitleid geprägt. Er sieht in den Menschen einen Schmarotzer, der nicht mehr lange überleben wird, weil er biologisch unfähig ist, verantwortungsvoll mit der ihn am Leben haltenden Biosphäre umzugehen.Wenigstens lässt er sich noch eine zeitlang herab, mit den Menschen zu kommunizieren. Für HONNEST ANNIE dagegen sind wir laut GOLEM nichts mehr als lästige Fliegen, die man zerdrückt, wenn sie zu lästig werden. So ist in dem Werk auch eine deutliche Warnung verpackt. Eine uns überschreitende Intelligenz wird mit unseren Moralvorstellung nicht viel angfangen können. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele, die notwendigerweise nicht mit denen der Menschen übereinstimmen müssen.

Bezüge zu Lems Gesamtwerk

Interessanterweise sah Lem, der unzählige Bücher geschrieben hat, dieses kleine Buch als die „Summe seines Denkens“ an. Das kann ich bestens nachvollziehen. Denn wer diesen polnischen Schriftsteller kennt, wird viele Gedanken seiner anderen Bücher darin wiederfinden. Ich habe mit 16 Jahren das erste Mal ein Buch von Stanislaw Lem gelesen und zwar den Erzählband „Nacht und Schimmel“. Die Geschichten hat Lem Ende der 60er Jahre veröffentlicht. Sie haben mich nie mehr losgelassen. „Also sprach GOLEM“ ist eine direkte Weiterführung von Gedanken, die LEM in „Nacht und Schimmel“ literarisch bereits angedeutet hatte. Insbesondere in der Geschichte mit dem Titel „Die Lymphatersche Formel“, die mich immer am meisten fasziniert hat. In dieser stilistisch kunstvoll komponierten Geschichte wird aus der Ich-Perspektive eines verarmten und offenbar wahnsinnig gewordenen Wissenschaftlers berichtet, der einer Zufallsbekanntschaft in einem Cafe seine Lebensgeschichte erzählt. Nach und nach kommt heraus, dass dieser Wissenschaftler mit einer nach ihm benannten komplizierten Formel ein intelligentes Wesen erschaffen hat. In dem Moment jedoch, als er erkannte, dass dieses Wesen dem Menschen so überlegen ist, dass es das Ende des Menschen bedeuten würde, hat er es zerstört. Das eigentlich Abgründige an dieser Geschichte ist die Tatsache, dass dieses Wesen auch die Macht hatte, seine Zerstörung zu verhindern. Es verzichtete jedoch darauf, mit dem lapidaren Hinweis, dass es früher oder später sowieso erscheinen würde. Wir können also nichts gegen die Kräfte der Evolution tun. Irgendwann werden wir ersetzt, es sei denn wir transformieren uns in etwas anderes. Dieser Gedanke hat mich immer fasziniert.

In „Also sprach GOLEM“ ist es nun so weit. Was den wahnsinnigen Wissenschaftler Lympather noch zurückschrecken ließ, ist hier endgültig Realität geworden. Sie sind da und damit ist ein neues Kapitel der Evolution aufgeschlagen.

Weiterführende Links:

Künstlerischer Kurzfilm basierend auf den Vorlesungen von GOLEM XIV

Ausführlicher Artikel von Wolfgang Neuhaus auf Telepolis

Offizielle Stanislaw Lem Seite

Buchbesprechung des Blogs Analyse, Kritik & Aktion

Buchbesprechung des Blogs Stumme Erzähler

Philosophische Buchbesprechung des Blogs iSophie mit vielen Komentaren

Buchbesprechung und viele Komentare im SciFi-Blog

Wikipedia-Artikel

Ein Gedanke zu „Stanislaw Lem – Also sprach GOLEM

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