Karl Olsberg – Schöpfung außer Kontrolle

olsbergKarl Olsbergs 2010 erschienenes Buch konnte ich jetzt erst lesen. Für mich ist es eine Ergänzung zu dem von Frank Schirrmacher ein Jahr zuvor erschienenen Buch „Payback“. Beide haben das Potenzial, begeisterte Computernutzer wie mich zum Nachdenken zu bringen. Wenn auch die Herangehenweise beider Autoren recht unterschiedlich ist.

Schirrmacher und Olsberg stellen sich beide die Frage, inwieweit wir die Kontrolle über die von uns selbstgeschaffene Technologie, insbesondere die Informationstechnologie, bereits verloren haben. Schirrmachers Ansatz ist aber ein anderer. Sein Focus liegt darauf, aufzuzeigen, wie der Gebrauch von Comuptern sich schleichend negativ auf unsere eigenen geistigen Fähigkeiten auswirkt (Stichwort: „Digitale Demenz“).

Olsberg bezieht sich dagegen fast ausschließlich auf den britischen Zoologen Richard Dawkins, der die Evolutionstheorie von Charles Darwin weiterentwickelt hat. Laut Dawkins ist Evolution nichts weiter als ein relativ einfaches mathematisches Prinzip, dass nicht nur für Gene, sondern auch für die technologische Entwicklung oder die Entwicklung von Ideen gilt. Die entscheidenden Kräfte sind dabei immer Reproduktion, Mutation und Selektion. Lebewesen werden durch die Evolution von Genen gesteuert. Ideen durch die Evolution von „Memen“, die diesen zugrunde liegen wie die Gene den Lebewesen.

Mit der Entwicklung der „Meme“, die sich vor allem in der Sprache und der Technologie äußern, hat der Mensch laut Olsberg und Dawkin eine zweite Evolution geschaffen, die viel schneller als die biologische Evolution fortschreitet und mittlerweile weitreichende Rückwirkungen auf den Menschen hat. So befinden wir uns heute in einem symbiotischen Verhältnis mit der Technik, was uns gegenseitig determiniert. Wir stehen also zu unseren Comuptern in einem Verhältnis wie etwa im Tierreich die Bienen zu den Blütenpflanzen, die durch diese bestäubt werden. Keiner kann ohne den anderen existieren.

Dieser Ansatz wirft einen faszinierenden Blick auf uns als Spezies und zeigt unsere Beschränktheit auf. Wir sind nicht die Krönung der Evolution, sondern nur eins von unzähligen Werkzeugen der Evolution. Olsbergs Ansatz schließt nicht aus, dass wir in nicht allzu weiter Zukunft von einer besser angepassten Spezies, wie zum Beispiel intelligenten Maschinen, zu eine Art Haustier degradiert werden. Beim Lesen seines Buches hatte ich hier und da das Gefühl, dass wir eigentlich schon längst auf dem besten Wege dahin sind.

Dennoch ist das Buch weder pessimistisch noch technikfeindlich. Olsberg, der mit einer Arbeit zur künstlichen Intelligenzforschung promoviert hat, zeigt im letzten Teil seines Buches aber auch auf, dass dieser Prozess der Degradierung des Menschen nicht zwangsläufig ist. Denn wir haben es noch in der Hand, durch die „richtigen Meme“ zu selektieren und so die weitere Entwicklung zu bestimmen. Die Beispiele, die er dafür aufzählt, hören sich allerdings ziemlich naiv an: Verzicht auf übermäßigen Konsum von TV oder Computerspielen oder etwa der Kauf von benzinsparenden Autos. Dass sein Buch ein „richtiges Mem“ ist und deshalb gelesen werden sollte, versteht sich für Olsberg von selbst. Hier merkt man, dass Olsberg im Hauptberuf mittlerweile Unternehmensberater und Marketingspezialist ist.

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