André Pilz – Die Lieder, das Töten

die-lieder-das-toeten-andre-pilzAndré Pilz ist unter den jüngeren deutschen Schriftstellern in gewisser Weise eine Ausnahmegestalt. Sein mittlerweile vierter Roman Die Lieder, das Töten ist erfrischend anders als vieles was ich in der letzten Zeit gelesen habe. Knallhart, radikal und ungeschönt – zu Recht gilt Pilz als einer der interessantesten deutschsprachigen Autoren der letzten Jahre. von Christoph Steinhauer

Nach einem Atomunfall nahe der deutschen Grenze ist ein großes Gebiet in Deutschland radioaktiv verseucht und zur Sperrzone erklärt worden. In dieser Sperrzone leben immer noch Menschen, die sich endweder nicht haben vertreiben lassen oder illegal in die Sperrzone eingedrungen sind, um zu plündern oder einfach nur ein gesetzloses Leben zu führen. Der Ich-Erzähler mit dem Namen Ambros ist vom staatlich eingesetzten Sonderbeauftragten für die Zone, dem „Marschall“, beauftragt worden, den Anführer der Zonenbewohner zu töten. Strasser, so heißt der Anführer, hat sich mit seinen Kumpanen, die ihn verehren und teilweise aus Ex-Häftlingen einer in der Zone gelegenen Strafanstalt bestehen, in einer verlassenen Stadt in der Zone verschanzt und vermint. Sie hoffen, den Angriff des Militärs unter Führung des Marschalls abwehren zu können, der jederzeit bevorsteht, um die Stadt zu räumen.

Die ganze Figur Strassers erinnert stark an den von Marlon Brando so genial gespielten Colonel Kurtz in Copolas Film Apokalypse Now. Wie in diesem auf Joseph Conrads Erzählung Heart of Darkness basierendem Film gerät der Ich-Erzähler und damit auch der Leser immer mehr in den Bann der faszinierenden Persönlichkeit Strassers. Auch im Film hat der Held ja die Aufgabe, Kurtz zu eliminieren, weil sich dieser mit einer Truppe marodierender GI´s und Vietcong-Soldaten jeglicher Kontrolle durch die amerikanische Militärführung entzogen hat. Und auch in Pilz Roman geht es darum, dass Ambros immer mehr an seinem Auftrag und an seinen Auftraggebern zweifelt. Anders als im Film führen diese Zweifel aber zu einem zerstörischem Finale, das auch den Helden vernichtet.

Die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Ambros und Strassers Freundin, der wilden Südamerikanerin Lucy, ist das retardierende Element, denn bis zuletzt hofft der Leser, dass Ambros durch diese Liebe seine Verzweiflung überwindet und wieder Mut fasst, ein neues Leben außerhalb der Zone zu beginnen. Aber Ambros ist wie alle Figuren im Roman ein von Beginn an zum Untergang Verurteilter. Er ist während des Super-Gaus mit seiner damaligen und zu Beginn des Romans längst an den Folgen der Strahlung verstorbenen Freundin Mona in den „roten Regen“ geraten und wurde dadurch radioaktiv verseucht. Er weiß, dass er keine Chance auf ein normales Leben hat. Pilz schafft es mit diesem Roman, die Ausweglosigkeit einer solchen Situation mit brutalem Realismus in Szene zu setzen. Sein Roman ist ein Experimentierfeld dafür, was mit der Psyche der betroffenen Menschen in einer Welt nach dem Super-Gau passieren kann.

Schreibe einen Kommentar